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Ich bin Sängerin – muss ich jetzt noch einen anderen Beruf erlernen?

Erstellt am: 13. Januar 2021
Kategorie: Blog

Als ob das Studium nicht schon lang und schwierig genug wäre:

Der Stimmapparat, die Atmung, die Psyche, die Musikalität, der Ausdruck – die ganze Zeit steckt man an einer anderen Ecke fest und wenn man nach 6 Jahren (das ist so lange wie ein Grundstudium der Medizin!) endlich auf den Sängerfüßen steht und das Glück hat, an einem Theater engagiert zu werden, ist man ein „Anfänger“ mit einem Grundgehalt von 2000€/Monat, brutto wohlgemerkt.

Hat man die Möglichkeit, noch Konzerte zu singen, kann es durchaus sein, dass die Konzertgage so hoch ist wie eine Monatsgage an der Oper; aber man muss immer fragen, ob man an „seinem“ Opernhaus eine Auszeit bekommen kann.

Wenn es gut läuft, kann man bald mehr Geld aushandeln, und wenn man als Freiberufler gut „unterwegs“ ist, klettern die Abendgagen schnell nach oben. Richtig Geld verdienen kann man als Sänger, wenn man stressresistent ist, es verkraften kann, seine Familie wochenlang nicht zu sehen, die Qualität über Jahre halten oder verbessern kann und nicht gerade ein kompletter Sozialkontakt-Idiot ist. Mit dem verdienten Geld muss man gut haushalten können, aber ansonsten: ja, toller Job!

Ein/e freiberufliche/r Sänger/in sorgt dafür, dass er/sie ein finanzielles „Polster“ hat

Was uns Corona gezeigt hat:

Es gibt Entscheider in den Führungsebenen der Theater und der Politik, die meinen, dass die gut verdienenden Sängerinnen und Sänger für schlechte Zeiten „etwas zur Seite gelegt haben könnten“. Die (wenn überhaupt) Ausfallhonorare sind nur ein Bruchteil der vertraglich vereinbarten und geplanten Gagen. Man plant sein Leben auch gemäß den finanziellen Möglichkeiten, nicht wahr? Wenn man mehr verdient, lebt man in der Regel etwas großzügiger. Und wenn man weiß, dass man zwischen März und Juni 40.000€ verdient, kann man etwas entspannter in das Sommerloch schauen und hoffen, dass für den Herbst noch eine Produktion reinkommt.

Jetzt bieten einige Theater 25% an und sagen, dass selbst das politisch schwer zu verhandeln war. Dann hat der Sänger 10.000€ statt der erwarteten (und vertraglich vereinbarten) 40.000€, sollte dankbar für das Angebot sein und weiß nicht, wie dieses Geld für 6 Monate reichen soll. Was dann? Klar, man greift die Altersvorsorge an – die Folgen „kriegen wir später“, darüber machen wir uns erst mal keine Gedanken. Es gibt ein paar fantastische Theaterleiter, die es geschafft haben, zwischen 50 und 100% der verlorenen Gebühren zu zahlen, sie sind unsere Helden!

Die meisten Corona-Hilfsprogramme während des Lockdowns 1 und jetzt, wie es sich zeigt, auch während des Lockdowns 2, zumindest die in Deutschland, decken nur die Betriebskosten: Man kann sie in Coachings investieren, an einem Kurs teilnehmen oder eine neue Website erstellen lassen. Aber die Lebenshaltungskosten sind in der Regel nicht für Förderprogramme geeignet.

Der Zugang zum „Arbeitslosengeld 2“, dem sogenannten Hartz 4 oder der „Grundsicherung“ ist einfacher geworden, und man kann mit Wohngeld etc. auf rund 1000€/Monat kommen. – es sei denn, Du hast Ersparnisse „angesammelt“ oder eine/n Partner*in, die/der gut verdient – dieses Geld führt je nach Höhe zum Ausschluss aus dem Programm!

Was Du jetzt tun kannst?

  1. AKTIV WERDEN:

Gemeinsam mit den Gruppen von Sängern/Musiktheaterleuten, die sich endlich solidarisch zeigen:

Alle diese Gruppen sind hoch motiviert und gründen derzeit die International LYRICoalition.

In jedem Land haben die Künstler begonnen, in diesem zähen Kampf auch mit den Agenturen zusammenzuarbeiten. Ziel ist es, sich mit Theaterleitern und Politikern an einen runden Tisch zu setzen, um faire Bedingungen für die Freiberufler zu schaffen.

Schließe Dich sich der Gruppe in Deinem Land an, und wenn es in Deinem Land noch nichts gibt, gründe Deine eigene Gruppe/Seite!

  1. ÜBERDENKE DEINEN LEBENSPLAN:

BRAINSTORMING heißt das leicht überstrapazierte Zauberwort.

Entfache einen Sturm in Deinem Gehirn, der Deine gewohnten Denkmuster aufmischt! Wage es, um die 15 Ecken zu denken, die Du Dir normalerweise verbietest oder für die Du normalerweise zu bequem bist! Wenn Du ein Schreiber bist, nimm den berühmten großen Zettel und zeichne eine Mind Map. Wie das geht, kannst Du im Internet nachlesen, zum Beispiel hier:

Das kann z.B. so aussehen:

 

Was kannst Du sonst noch tun?

Unterrichten                                                                                                   

Klar, Unterrichten ist die offensichtliche Alternative, aber: wenn Du schon 40 bist und noch nie den Drang hatten, etwas zu unterrichten (z.B. Nachhilfe, Klavierunterricht, Yoga, oder was auch immer), dann ist das vielleicht nicht Dein Ding! Du kannst ein guter Mensch sein, ohne unterrichten zu wollen:) Wenn Du gerne unterrichtest, dann schreibe (für Dich) ein Unterrichtskonzept und denke darüber nach, welche Art von Unterricht Du gibst und welche Art von Lehrer*in Du bist/werden willst.

Eine Ausbildung machen

Fernstudium, reguläre  Zweitstudiengänge, Online-Kurse, Wochenendseminare….

Ein Coaching buchen

Lass Dir von jemandem beim Nachdenken helfen, wenn Du nicht mehr weiter weißt! Eine professionelle Coaching-Sitzung kann Dir helfen, Denkblockaden zu lösen. Du musst nicht monatelang dorthin gehen – ein guter Coach hilft Dir schon in der ersten Sitzung so, dass Du selbständig weiterdenken kannst.

Du kannst  Coaching als Weiterbildung deklarieren und mit der Corona-Hilfe finanzieren oder zumindest von der Steuer absetzen.

Lasse Dich überraschen

Schaue in einen Bereich, den Du nicht kennst – wer weiß, was sich dort verbirgt?

Tauche in Deine Erinnerungen ein

Was hat Dich als Kind fasziniert? Was hast Du als Schüler *in gerne gemacht?

Fülle Deine Lücken

Du konntest noch nie richtig mit Excel umzugehen? Es ist höchste Zeit, es endlich zu lernen!

Du kannst nur schlecht Klavier spielen? Dann fang jetzt an zu üben!

Wenn Du in Deutschland singst: Werde (endlich!) Mitglied in der GDBA

Sie geben Rechtsberatung, auch für Freiberufler. Nach einer Wartezeit von 6 Monaten kannst Du einen Anwalt in Anspruch nehmen, vorher bekommst Du auch allgemeine Hilfe und Kontakte.

Du brauchst keinen neuen Beruf, denn Du hast einen Beruf, den Du sehr liebst, aber Du brauchst, wir alle brauchen, eine zusätzliche Perspektive!

Viel Spaß bei der kreativen Suche!