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Das Nicht-Elitäre der Kunst und Musik

Erstellt am: 13. Januar 2021
Kategorie: Blog

Auch wenn einige es nicht glauben können, die dort selber nie waren: Oft sind die Opernhäuser und Theater weltweit auch heute mit Werken ausverkauft, die seit 200 Jahren ausverkauft sind und seit 200 Jahren über alle Kriege und Friedenszeiten die Menschen tief bewegen, die immer wieder dieselben Stücke sehen wollen.

Die Sehnsucht danach und nach der Kunst in ihren vielen weiteren Formen ändert sich absolut nicht.  Die Salonfähigkeit der Banalität allerdings hat Einzug auf höchster Ebene gehalten und ist dabei vor allem lauter als sensible, aktive Kunstkonsumenten. Zigtausende Menschen sitzen aber allabendlich glücklich in Opernhäusern und Theatern, mit Lachen oder in Tränen, zutiefst bewegt. Die Leute gehen da nicht hin, weil es anstrengend ist, sondern weil sie es wollen, weil sie es brauchen, weil sie das Glück hatten, ihr irgendwann einmal bewusst ausgesetzt worden zu sein. Das kann man natürlich nur dann wissen, wenn man es selbst erlebt hat. Ich habe einen Freund, der vor unserer Bekanntschaft gar nichts von Klassischer Musik wusste bis auf das Klischee des Elitären und der Abendkleidung – und entsprechend nichts davon hielt. Heute weiß er, dass nichts an Kunst elitär ist – eher das Gegenteil -, und er zieht sich begeistert ganze Wagner-Opern rein, die sogar mir zu viel würden – weil er der Kraft von Kunst ausgesetzt wurde und ihn dieses Feuer erreicht hat, das einen nie mehr loslässt.

Ich bin wirklich sehr erstaunt und gleichzeitig unsagbar ENT-täuscht von Beiträgen von Politikern, die heute einen finanziellen Wert der Kultur festsetzen wollen – ein Spiegel gleich auf mehreren Ebenen. Es ist eine schwer reversible Folge eines katastrophal verfehlten Unterrichtsplans in Deutschland: Opernhäuser und Konzertsäle wurden im Oktober 2020 als Freizeiteinrichtung Fitness-Centern gleichgesetzt – in einem Atem! Ich glaube, dass diese mittlerweile vielzitierte Subsumierung in der Regierungserklärung nicht versehentlich war, aber auch nicht absichtlich. Es ist mittlerweile die Folge puren Unwissens. Kunst und Kultur wurden in den letzten Jahrzehnten aus den Lehrplänen immer mehr entfernt und führt daher im Alltag mittlerweile ein Schattendasein. Deshalb haben wir heute eine Gesellschaft, in der ein großer Teil den Wert der eigenen Kultur gar nicht mehr kennt. Musik und Lyrik, die früher jedermann in allen Schichten kannte, ist Menschen einer ganzen Generation verloren gegangen. Wie können sie diese dann Wert-schätzen?! Dieser Möglichkeit werden sie beraubt.

Stattdessen driften Kunst und Hochkultur heute wieder ins elitäre Klischee ab, obwohl sie etwas fundamental Normales sind, ein Grundstock für kulturelle und nationale Identität. Nichts daran ist elitär, sie ist nicht Wein, sondern gutes Wasser, sie ist Grundlage wie das kleine Einmaleins, nicht Kaviar, sondern Brot und Pasta. Und doch gibt tatsächlich noch Millionen bildungsnaher Menschen, die wissen, dass klassische Musik nichts mit Zwang zur Kultur zu tun hat – und im Grunde auch nichts mit Bildung -, sondern mit purer Freude und Leidenschaft, mit Inspiration und Bewegtwerden.

Wenn Leute einfach ins Blaue behaupten, Kunst sei etwas Elitäres, ohne je welche in Anspruch zu nehmen, raubt es mir den Atem. Ein großer Teil der Gesellschaft wurde vom American Way geschluckt und auch die „elitären“ Schichten vom Fastfood für Auge, Ohr und Mund überrannt – wobei „Elite“ immer mehr mit Geld gleichgesetzt wird, was geradezu lächerlich ist, aber Realität. Zur Elite gehörten in Europa einmal die viel bemühten und kaum mehr geachteten „Dichter und Denker“, die Wissenschaftler, die Künstler – nicht nur die DAX-Vorstände und Trash-TV-Produzenten. Wenn „Profitability“ alles regiert, dann gibt es keinen Platz mehr für das Sensible und das wirklich tief Bewegende. Das hinzunehmen hat nichts Gutes! Die eigene Kultur und damit Geschichte zu negieren und gleichzusetzen mit dem allgemeinen Mainstream halte ich für sehr bedenklich. Solche Aussagen oft von gewichtigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu lesen, fällt mir jedes Mal sehr schwer und sie irritieren ungemein.

Wir – Nur Wir! – sind das Land von Goethe, Schiller, Dürer, Kant, Bach, Brahms, Beethoven, Wagner, Strauss, Rihm, Orff (ja auch die bemühte Carmina Burana aus der Werbung). Weltweit seit hunderten Jahren dafür beneidet! Umso mehr bestätigen sie, wie wichtig und richtig es ist, sich jetzt mit aller Begeisterung und Kraft für die großartige Kultur einzusetzen, die wir errungen haben und die uns alle bewegen kann wie sonst nichts.