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Aus dem fiktiven Tagebuch eine(s)r Regisseurs*in

Erstellt am: 19. April 2021
Autor: Sabine Hartmannshenn
Kategorie: Blog

(„Tagebuch“: ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Freiheit der Fantasie. Gedankenfetzen. Jegliche Ähnlichkeit mit vermeintlich realen Szenen ist rein zufällig.)

Konzeptionsgespräch. Diese Einführungen sind wichtig. Aber ich mag sie nicht!

Es schwingt immer die Angst mit. Wird es angenommen, was ich präsentiere? Werden die Sänger*innen es mögen und Lust haben mitzuarbeiten?

Mindestens eine Woche bereite ich mich darauf vor. Alles wohl überlegt, zigmal hin und her gewälzt in Gedanken, auf dem Papier. Der Versuch es spannend und relevant zu erzählen, was ich in den nächsten Wochen erarbeiten möchte. Diese vielen erwartungsvollen Augenpaare, einige sehr gelangweilt, einige provokant: „Was hat sich denn die Regisseurin dieses Mal wieder ausgedacht?“, darauf lauernd, dass das Konzept angreifbar ist, man/frau sich darüber erheben kann. Vielsagende Blicke sich zuwerfend am Ende des Ganzen: „Na, ob das was wird?“ Doch auch Wohlwollen: „Das war toll, dieser Einblick“ und „Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit“. Es fällt eine Last von den Schultern: zumindest einige konnte ich überzeugen.

Drama bei der Begutachtung der Kostüme: die langjährige Prima Donna des Hauses trocknet sich die Tränen: „Ich kann auf keinen Fall mit einer solchen Perücke auf die Bühne gehen.“

Die Proben beginnen: ein Sänger wird hier ein neues Rollenfach ausprobieren und singt am Haus „unter seinem Niveau“, was er ständig Alle spüren lässt, laut sich beschwerend, was das alles für ein Mist sei, alles so dilettantisch, aber: „was will man schon von diesem Theater erwarten?.“

Der alte, wohlbekannte Mechanismus: Die Herabsetzung des Gegenübers, um sich selbst zu stabilisieren und die eigene Unsicherheit zu überspielen. Verletzend. Unermüdlich weiter schimpfend, alle auf persönliche Weise angreifend. So wird die eigene Befindlichkeit in den Mittelpunkt gestellt und das unflätige Verhalten (oft unbewusst) legitimiert.

Ich dachte, dass tun immer nur Regisseur*innen und Intendant*innen? Nein, Pustekuchen, es funktioniert auch in die andere Richtung und viel weniger selten als gemeinhin gedacht. Auch wir werden gemobbt, schlecht behandelt, gedisst und nicht immer gelingt es frau souverän damit umzugehen. „Die von der Regie“ sind auch Menschen.

Höchstwahrscheinlich leiden Sänger*innen mehr unter Regisseur*innen (und Dirigenten) als umgekehrt. Doch die Umkehrung gibt es tatsächlich! Hängt es damit zusammen, dass ich eine Frau bin? Das möchte ich nicht glauben. In kurzen schwachen Momenten ertappe ich mich dabei, dass ich auch gern über jeden Zweifel erhaben wäre und alle ungefragt täten, was ich sage. Aber natürlich will ich so nicht arbeiten! Mir liegt daran, mein Gegenüber zu überzeugen, das Stück, die Rolle, gemeinsam zu erforschen. Als Regisseurin bin ich nicht allwissend, nicht allmächtig oder habe mir bereits alle Fragen gestellt. Ich brauche die Auseinandersetzung im Probenprozess, die kreative Atmosphäre.

Können wir uns nicht auf eine gegenseitige Reise mit einem Stück begeben? Woher z.b. können Dirigent*innen immer genau wissen, was die Komponisten wollten? Die meisten Stücke, die wir spielen, wurden von Menschen geschrieben, die wir nicht mehr fragen können. Ist es nicht anmaßend, wenn Dirigent*innen sich in der Position wähnen, bestimmen zu können, wie etwas sein soll und darf?

Meine optimalen Arbeitsbedingungen setzen ein respektvolles, wertschätzendes Miteinander voraus.

Mich interessiert, was der/die Sänger*in – vor allem, wenn sie ihre Partien schon x-mal gesungen haben – denkt, fühlt und mit dieser Rolle/dem Stück verbindet. Das Singen ist eine so unmittelbare, subjektive und sinnliche Erfahrung, die Einfluss auf den Singenden nimmt, wie kann und soll ich als Regisseur*in, die diesen Moment physisch so nicht erlebt, exakt wissen, wie es umzusetzen ist?

Manchmal habe ich wunderbare Erlebnisse mit Sänger*innen, die eindrücklich, intensiv, wunderschön singen und spielen. Da werde ich ehrfürchtig, wie sie diesen Beruf mit den mannigfaltigen Anforderungen meistern.

Wir arbeiten im Theater, weil wir relevante gesellschaftliche und/oder humane Themen verhandeln. Wie können wir diese Themen und Fragestelllungen dann hinter der Bühne häufig so mißachten? Meine Sozialisation am Theater war von männlichem Führungspersonal geprägt. Auf meine zaghafte Aussage, dass ich auch gern einmal eine Studioinszenierung machen würde, wurde ich belächelt und der erst kürzlich eingestellte (männliche) Kollege mir vorgezogen. Okay, das ist viele Jahre her, aber ist es heute wirklich anders?

Es ist meiner Ansicht nach unerlässlich, dass wir ebenbürtig kommunizieren und mit dem besten Willen ein gutes, künstlerisches Ergebnis erzielen.

Meine Beobachtung in den letzten Jahren ist, dass die Alleinherrschaft des/der Regisseur*in zunehmend nicht mehr geduldet wird. Das empfinde ich als eine beruhigende Tendenz. Proben sind ein äußerst intimer Prozess, in dem es keine Tabus geben sollte und in dem man nur durch gegenseitiges Vertrauen das beste Ergebnis erzielen kann. Beide Seiten: Sänger*innen und Regisseur*innen müssen sich auf Augenhöhe begegnen. Der Respekt vor der Arbeit des anderen sollte selbstverständlich sein.

Es wird Zeit, dass wir demokratischere und gendergerechte Strukturen am Theater etablieren, in denen das Geschlecht, die Herkunft nur noch in der Stückszene Gegenstand der Auseinandersetzung sind.

Es gibt noch viel zu sagen, aber es ist ein Tagebuch. Gedankenfetzen, aneinandergereiht, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, mir die Dinge von der Seele schreiben, irgendwann schreibe ich weiter, nur für mich …..

Oder ???